Interview mit einem Vampiroder die Frage nach der Entstehung des Vampirmythos
_Eine Großstadt mitten im Herzen Europas. Es ist Nacht, die Häuser und Straßen sind hell erleuchtet vom künstlichen Licht. In den Straßen herrscht ein reges Nachtleben. Doch hier im Zimmer ist es erstaunlich still. Als würde der Ort in Erwartung einer großen Enthüllung die Luft anhalten. Fast hätte die Szene einem Film entsprungen sein können. Aber ein entscheidendes Detail war anders als sonst: Ich saß mitten in diesem Zimmer.
avalon-projekt.com: Ich danke ihnen, dass sie sich Zeit genommen haben und uns für dieses Interview zur Verfügung stehen. Es ist nicht sehr einfach gewesen, mit ihnen in Kontakt zu treten. Wie darf ich sie im weiteren Verlauf nennen?
Marius: Nennen sie mich einfach Marius. Sie wollen also ein Interview mit mir führen?
avalon-projekt.com: Wie gesagt, wir möchten für unsere Leser ein ganz besonderes Interview machen. Wir wollen einen Blick hinter die Kulissen, hinter den ganzen Schein werfen und der Frage auf den Grund gehen, wie der heutige Vampirmythos entstand?
Marius: Daran sollten wir auch weiterhin festhalten. Ich habe sie beobachtet, wie sie meinen Spuren folgten. Mir gefiel ihre Intention und nur deswegen sagte ich diesem Treffen zu. Dementsprechend werde ich keine Fragen zu meiner Person beantworten. Es gibt bereits so viele Vampir-Geschichten mit autobiographischen Zügen, dass es nur eine weitere unter vielen wäre. Meine Lebensgeschichte soll deshalb für immer im Dunkel der Zeit begraben bleiben. Vielmehr möchte ich die Gelegenheit wahrnehmen und die gerade in der Neuzeit verschwommene Grenze zwischen Realität und Mythos beleuchten.
avalon-projekt.com: Sie werden mir auch die volle Wahrheit sagen?
Marius: Warum sollte ich Lügen? Um sie aber zu beruhigen: Über das Thema wurden bereits so viele Worte verloren, dass sie meine Antworten auch leicht an anderer Stelle wieder finden werden. Wenn sie beispielsweise in der Suchmaschine Google das Schlagwort „Vampire“ eingeben, werden sie über 6.350.000 Seiten erhalten. Auch in schriftlicher Form wurde sehr viel festgehalten. Doch drei Bücher möchte ich zur Frage, wie der Vampirmythos entstand, besonders erwähnen: „Vampirismus oder die Sehnsucht nach Unsterblichkeit“ von Norbert Borrmann, Hans Richard Brittnachers „Ästhetik des Horrors“ und das Kapitel „Draculas Schatten – Fahndung im Reich der Finsternis“ von Martin Papirowski und Luise Wagner in „Terra-X: Expeditionen ins Unbekannte“.
avalon-projekt.com: Dann fangen wir doch einfach mit der ersten Frage an. Wie wird man eigentlich zum Vampir?
Marius: Es gibt sehr viele Antworten auf diese Frage. Je nach Verfasser eine andere. Die häufigste ist, dass man von einem Vampir gebissen werden muss. Die berühmten drei Bisse, derer es bedarf, um zum Vampir zu werden, oder die Vorstellung, das Opfer müsse vom Blut des Vampirs trinken, entsprangen literarischen und filmischen Ausschmückungen neuerem Datums. Beim Vampirbiss ist es aber durchaus strittig und je nach Literaturvorlage schwankend, ob man daran sterben oder sogar erst begraben werden muss, um zum Vampir zu werden.
Der schlichte Volksglaube als auch die kirchliche Propaganda lieferten dagegen eine ganz andere Erklärung. Hier erheben sich nach dem Tode als Vampir aus dem Grab vor allem Verbrecher, Sünder, unehelich Geborene, ebenso wie an Unglückstagen Geborene, Menschen, die sich zu ihren Lebzeiten mit Hexerei oder Zauberei abgegeben haben, Christen, die sich zum Islam bekehren ließen, Priester mit Todsünden, Exkommunizierte und Menschen, die keine Sterbesakramente empfangen haben, und in Russland auch die Alkoholiker.
avalon-projekt.com: Was passiert bei der Verwandlung und was ändert sich für den neu erschaffenen Vampir?
Marius: Was bei der Verwandlung passiert, möchte ich mit einem Zitat aus dem Film „Interview mit einem Vampir“ darlegen. Dort sagt Lestat zu Louis, als er diesen gerade den Kuss zum Vampir geschenkt hat: „Dein Körper stirbt jetzt. Beachte es gar nicht. Es passiert uns allen. … Und jetzt seh dich um. Die Augen eines Vampirs sehen anders.“
Als Louis viele Jahre später gefragt wird, was er damals gesehen hat, antwortet er: „Das kann man nicht in Worte fassen. Da mag man genauso gut den Himmel fragen, was er sieht. Kein Mensch kann dies begreifen. Die Statue schien sich zu bewegen, tat es aber nicht. Die Welt hatte sich verändert und doch blieb sie gleich. Ich war ein neugeborener Vampir und weinte über die Schönheit der Nacht.“
Ich möchte trotzdem versuchen, es in Worte zu fassen. Während der Vampirwerdung stirbt der Köper und lebt trotzdem weiter. Die Wahrnehmung des neu erschaffenen Vampirs steigert sich dermaßen, dass ein Vampir bei Nacht so gut sieht, wie ein Mensch bei Tage. Er wittert das Leben um sich herum und spürt, wie das Blut in den Adern der Sterblichen pulsiert. Darüber hinaus verändert sich der Körper ab diesem Zeitpunkt nicht mehr. Weder verstreichende Jahre, Krankheiten noch Verletzungen, die nicht gerade seinen endgültigen Tod bedeuten, können ihm noch etwas anhaben. War der neugeborene Vampir bei der Verwandlung jung und schön, so wird er es bis zum endgültigen Tod bleiben. Eine weitere Kraft, die den Vampiren zugesprochen wird, ist eine dermaßen schnelle Köperbewegung, dass er sich buchstäblich in Luft auflösen kann, indem er einfach aus dem Blickfeld läuft. Es wird sogar berichtet, dass sich Vampire in Tiere verwandeln können, vornehmlich Wolf und Fledermaus. Gelegentlich kann er auch als Nebel unangemeldet durch die Türritzen seiner Opfer schlüpfen.
Diese vermeintlichen Vorteile werden durch nicht zu vernachlässigende Schattenseiten des Vampirseins erkauft. So trägt jeder Vampir eine unstillbare Gier nach Blut in sich. Das Blut wird zu seinem Lebenselixier. Auch hat ein Vampir für immer und ewig der Sonne den Rücken zugekehrt. Als Wesen der Finsternis muss er sich jeden Morgen in sein Versteck zurückziehen und in einer totengleichen Starre den Tag verbringen.
avalon-projekt.com: Marius, worin vermuten sie die Ursache für diese Verwandlung?
Marius: Im Roman „Jagd auf Vampire“ von Barbara Hambly oder im Film „Blade“ mit Wesley Snipes wird die These aufgestellt, dass der Vampirismus durch einen Virus übertragen wird. Dieser wird direkt über den Vampirbiss oder erst durch das Blut des Vampirs übertragen. Einmal im Körper des Opfers, verwandelt der Virus diesen in einen Vampir.
Tatsächlich gibt es Krankheiten, welche für Außenstehende leicht Vampirismus suggerieren. Die Tollwut beispielsweise lässt Menschen extrem lichtempfindlich und wasserscheu werden. Daher verbirgt sich der Erkrankte zunächst in dunklen Behausungen. Diese verlässt er erst, wenn er im „Wutstadium“ danach giert Menschen anzufallen. Zudem wird er sehr geruchsempfindlich und weicht deshalb auch vor Knoblauch zurück. Tollwut war bis in letzte Jahrhundert in Europa eine weit verbreitete Krankheit. Gerade in Transsilvanien, der Heimat Draculas, gab es im 17. und 18. Jahrhundert gefährliche Tollwutepidemien, bei denen Zehntausende starben.
avalon-projekt.com: Seit wann ist sich die Menschheit der Existenz der Vampire schon bewusst?
Marius: Mythos, Sage, Kunst und Literatur belegen, dass die Gestalt des Vampirs allen Menschen in allen Zeitepochen vertraut ist. Abbildungen von Vampiren finden sich bereits auf babylonischer und assyrischer Töpferware, die Jahrtausende vor der Zeitwende entstanden.
avalon-projekt.com: Wie verbreitet sind eigentlich Vampire in dieser Welt?
Marius: Überall wo es Menschen gibt, da sind Vampire nicht fern. Wie weit diese Verbreitung geht, kann man gut an den Namen erkennen, welche die Menschen ihnen in den jeweiligen Ländern gegeben haben. Im Griechischen kann man ihn allein mit den Worten vrykolakes, brykilakas, barabarlakos, borborlakos oder bourdoulakos bezeichnen. Das Sanskrit kennt ihn unter katakhanoso oder baital. Im Russischen nennt man ihn upiry, im Polnischen upiroy und im Deutschen belegte man ihn einst vornehmlich mit dem Wort Blutsauger. Im alten China fürchtete man den bluttrinkenden Dämon Giang Shi. Der afrikanische Asambosam saugt das Blut aus dem Daumen schlafender Menschen, während der armenische Berggeist Daschnavar dem Wanderer Blut aus den Fußsohlen zieht. Vergleichen wir die verschiedenen Berichte über den Vampirismus, wird deutlich, dass es sich immer um Variationen des Themas handelt.
avalon-projekt.com: Viele Worte für ein Wesen. Wie entstand aber der heute in unserem Sprachraum übliche Begriff Vampir?
Marius: In Deutschland tauchte erstmals 1725 in einem Bericht aus Serbien an die kaiserliche Administration in Wien die Pluralform Vampiri auf. Es handelte sich dabei um eine latinisierte Wiedergabe des mittlerweile im slawischen eingebürgerten Wortes Vanpir. Nach einigen Variationen wie Vampyri oder Vapiers setzte sich ab den dreißiger Jahren des 18. Jahrhunderts in Deutschland dann endgültig das Wort Vampir durch.
Der Ursprung des Begriffs ist nicht, wie lange Zeit angenommen, serbisch, sondern wahrscheinlich makedonisch. Nach dieser Annahme wäre er aus dem Wort opyr – „fliegendes Wesen“ – hervorgegangen. Dieser opyr wanderte dann in die slawischen Sprachen als vanpir, vapir oder upiry ein.
Zunächst war Vampir nur Bezeichnung für Verstorbene, die nachts ihre Gräber verlassen, um Lebenden das Blut auszusaugen. Noch im 18. Jahrhundert weitete Voltaire den Begriff soziologisch aus, indem er auf die „Blutsaugerei“ der Wucherer verwies. Im heutigen Sprachgebrauch weißt das Wort auf jede Form von parasitärer oder raubtierhafter Existenz hin, die sich auf Kosten anderer bereichert, sei es nun ein widernatürlicher Untoter oder ein sehr lebendiges Ausbeuternaturell.
avalon-projekt.com: Zu dem Wort „Vampir“ findet man im Duden u.a. folgende Beschreibung: „Toter, der nachts aus dem Grab steigt, um an Schlafenden Blut zu saugen.“ Was macht überhaupt einen abendländischen Vampir aus?
Marius: Der Prototyp des abendländischen Vampirs hat im Laufe seiner jahrhundertelangen Entwicklung folgende Hauptcharakteristika angenommen: Es handelt sich um einen Toten, der nachts aus seinem Grab steigt. Zum Überleben braucht er Blut, dass er Menschen und zur Not auch Tieren nimmt. Tagsüber liegt der Vampir in seinem Grab, da er an die Heimaterde seiner Totenstädte gebunden ist. Der Leichnam des Vampirs zeigt keine oder nur geringe Zeichen der Verwesung auf. Als Zeichen seines Untoten Zustands gilt das Nachwachsen von Haaren und Nägeln über den Tod hinaus.
avalon-projekt.com: In der Vorstellung des Menschen hat der Vampirismus besonders in einem Geschöpf Gestalt angenommen: der Fledermaus. Handelt sich es hier um eine ferne Verwandte oder nur Konkurrenz aus dem Tierreich?
Marius: In der Natur gibt es zahlreiche Tiere, die von Blut Leben. Da gibt es beispielsweise Stechmücken, Zecken, Wanzenarten und Blutegel. Warum gerade die Fledermaus zum Synonym für den Vampir wurde, hat verschiedene Ursachen. Zunächst gehört sie zu den Nachttieren, womit sie nicht nur das Dunkel symbolisiert, sondern zu den Geschöpfen gehört, die die Schwerkraft überwunden haben, was sie beweglicher als den Menschen macht. Kein Ort ist vor ihnen sicher, und in ihrem lautlosen Flug erinnern sie an Geister und Dämonen, die über dem Gesetz von Zeit und Raum stehen. Nachtvögel gerieten daher im Glauben der Völker leicht zu Wesen, die den Geist der Finsternis darstellen und den Tod symbolisieren. Bei der Fledermaus kommt noch hinzu, dass sie sich tagsüber in gruftartigen Gewölben und Höhlen, mit dem Kopf nach unten hängend, zum Schlaf zurückzieht. Ihre Gestalt ist von abstoßender Hässlichkeit, doch hat sie dabei Merkmale, die an den Menschen erinnern, weshalb sie für die Metamorphose eines lebenden Toten nicht gänzlich ungeeignet erscheint: Ihre Flügel sind deutlich als verlängerte, mit einer Flughaut versehenen Arme und Beine zu erkennen. Der Kopf der Fledermaus ist wie der des Menschen aufgerichtet.
Es darf aber nicht übersehen werden, dass die meisten Fledermausarten vollkommen harmlos sind. Gerade mal drei der 957 Arten der Ordnung der Fledermäuse (Chiropteren) trinken tatsächlich Blut. Diese kommen ausschließlich in Zentral- und Südamerika vor. Der am häufigsten vorkommende „Vampir“ unter den Fledermäusen ist der Desmodus rotundus, der von Säugerblut lebt, während die selteneren Arten Diphylla und Diaemus hauptsächlich Vogelblut zu sich nehmen. Lange Zeit glaubte man, dass der große Vampir, Vampyrus spectrum, sich ebenfalls durch Blutsaugen ernährt. Seit dem 19. Jahrhundert weiß man aber, dass diese Spezies mit einer Flügelspannweite von annähernd 70 Zentimetern, ausschließlich von Früchten lebt.
In das europäische Bewusstsein traten diese Vampirfledermäuse, als sich die spanischen Konquistadores daran machten, die Neue Welt zu unterwerfen. Die Verwandlung des Vampirs in eine Fledermaus nahm hier ihren Ursprung und nicht, wie häufig irrtümlich angenommen, im Glauben der Balkanvölker. Vampirfledermäuse aus Transsilvanien sind eine Erfindung Bram Stokers, der die verschiedenen Vampirlegenden und Berichte geschickt miteinander verknüpfte.
avalon-projekt.com: Marius, wie entstand wohl der heutige Vampirmythos?
Marius: Bereits als das Abendland im Entstehen war, verbanden sich eine Vielzahl von Überlieferungen mit den dort heimischen Vorstellungen und dem christlichen Gedankengut zu einer neuen Facette des Vampirmythos. Doch ausgerechnet im Zeitalter der Aufklärung begann die Seuche des Vampirismus Europas zu überziehen.
Bereits im späten 17. Jahrhundert kursierten Gerüchte über Vampirepidemien in Russland und Polen. Diesmal schien sich die Vampirepidemien vor allem entlang der österreichischen Militärgrenze zu ziehen und sich in die unter Militärverwaltung gestellten Neuerwerbungen des Türkenkrieges von 1718 auszubreiten. Der halbmondförmig von Slawonien bis zur Bukowina ziehende Streifen wurde zum Hauptherd des Geschehens.
Besonders zwei protokollierte Fälle sollten in die Geschichte eingehen und den Vampir für viele damalige Europäer wieder auferstehen lassen. Der Fall Peter Plogosovitz (auch Peter Plogojowiz oder Plogojewitz) 1725 in Kisolova und der des Arnod Paole (auch Arnont Paole oder Arnold Paul) 1732 in Medvegia. Beide Männer gerieten in den Verdacht Vampire zu sein, da nach ihrem Tod ein unerklärliches Sterben über ihre jeweiligen Heimatorte hereinbrach. Zudem fanden sich in beiden Fällen Zeugen, die Plogosovitz bzw. Paole nach ihrem Tode gesehen haben wollen. Als daraufhin die Gräber geöffnet wurden, fand man unverweste, mit Blut vollgepumpte, Leichen. Den „überführten Vampiren“ wurde daraufhin ein Pfahl ins Herz getrieben und anschließend verbrannt.
Gerade der Fall Arnold Paole gilt als die bestbelegte und ausführlichste Darstellung des Vampirismus. Nach dem Auftreten mehrerer plötzlicher und unerklärlichen Todesfälle, gefolgt von dem in der betroffenen Region vorgebrachten Verdacht auf Vampire, hatte der zuständige Militärkommandant den Contagions-Medicus Glaser nach Medvegia entsandt, um eine gründliche Untersuchung vorzunehmen. Glaser untersuchte die Bewohner, konnte aber keine ansteckende Krankheit feststellen. Daraufhin ließ er einige Gräber öffnen und fand darin unverweste Leichen mit rosigem Teint. Um die Bewohner von Medvegia zu beruhigen, erbat Glaser in seinem Bericht um die Erlaubnis einer rituellen Hinrichtung der gefundenen „Vampire“. Das Oberkommando in Belgrad ordnete jedoch vor der Exekution der Leichname eine „Chirurgische Visitation“ an, die von dem Regimentsmediziner, dem Feldscher Johann Flückinger, und zwei Unterfeldschern im Beisein mehrere Offiziere durchgeführt wurde.
Neben den Berichten von Glaser und Flückinger gibt es zahlreiche weitere Akten, die sich auf den Vampirglauben, insbesondere in Serbien, beziehen. Die Abschriften derartiger Berichterstattungen gingen an die Höfe des preußischen Königs und anderer deutscher Fürsten, sowie an den König Frankreichs. Von dort gerieten sie in die Hände der Presse. Damit war ein Stein ins Rollen gekommen, der unaufhaltsam wurde. Die vermeintlichen Vampire gerieten nicht zuletzt durch die Schlagzeilen in der Presse in den Brennpunkt des öffentlichen Interesses. Noch 1732, also unmittelbar nach dem Abfassen der Berichte von Glaser und Flückinger, erschienen etwa ein duzend Artikel, in denen das Phänomen des Vampirismus philosophisch, logisch und christlich versucht wurde zu erklären, sowie eine Anzahl akademischer Dissertationen an verschiedenen Hochschulen zu diesem Thema. Die vielen Berichte lösten eine regelrechte Vampirpanik aus, dass ein besorgter Zeitgenosse äußerte, der Vampirismus habe sich „wie eine Pest über das Slawenland und die Walachei verbreitet... zahlreiche Opfer gefordert und das ganze Land in Angst vor den geheimnisvollen Besuchern versetzt, vor denen sich niemand sicher fühlte.“
Erst ab der Mitte des 18. Jahrhundert begannen sich die Wogen wieder zu glätten. Trotzdem sind rituelle Hinrichtungen von vermeintlichen Vampirleichen, vorzugsweise in Ost- und Mitteleuropa, noch bis an die Schwelle des 20. Jahrhunderts nachweisbar.
Einen weiteren Beitrag zum Vampirglauben trugen Scheintote bei. Der Scheintod ist nach medizinischer Definition ein Zustand, in dem das Leben erloschen zu sein scheint. Der Scheintod kann beobachtet werden bei Vergiftungen, bei geretteten Ertrunkenen, tiefen Erschöpfungszuständen, bei Cholera, Herzstörungen, nach starken Blutungen, Gehirnerschütterungen und bei kataleptischen Anfällen. Dieser Zustand kann sich mehrere Stunden, in seltenen Fällen über Tage hinziehen. Wenn der „Tote“ Glück hatte, so konnte er sich noch während der Zeit der Aufbahrung bemerkbar machen, was der anwesenden Trauergemeinde sicher einen gehörigen Schrecken einjagte.
Die Angst vor dem Scheintod führte gerade zu Beginn des 19. Jahrhundert zu allerhand kuriosen Konstruktionen, mittels derer sich Scheintote aus ihrem Sarg heraus, z.b. via Klingelzug, wieder ins Leben zurückmelden konnten.
Doch nicht nur die Scheintoten hatten Einfluss auf den Vampirglauben, einen vielleicht größeren hatten die bereits angesprochenen „Scheinlebenden“. Gemeint sind damit jene Toten, die bei der Öffnung des Sarges einen ungehörig „lebendigen“ Eindruck auf den Betrachter machen. Wie wichtig Scheintote und insbesondere Scheinlebende für den modernen Vampirglauben sind, kann man daran erkennen, dass die in voller Lebensgestalt auferstehenden Vampire nur dort anzutreffen sind, wo die Leichen nicht verbrannt wurden und die Beerdigung die allgemeine Bestattungsart war.
avalon-projekt.com: Aus Deinen Worten schließe ich, dass damals keine echten Vampire am Werk waren. Doch was sind dann die Gründe für die unverwesten Leichen und das unerklärliche Sterben in den betroffenen Regionen?
Marius: Der Grund für die unverwesten Leichen ist, dass im Erdgrab der Zerfall eines Leichnams um den Faktor 8 verlangsamt wird. Ein Leichnam unter freien Himmel wird also achtmal schneller Verwesen als im Sarg. Doch diese Gegenebenheiten waren den Ärzten in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts noch weitgehend unbekannt, da die Untersuchung von Leichen verboten war. Ironischerweise ist bei Verstorbenen, welche Heilig gesprochen werden sollen, der nicht verweste Leichnam gerade ein Indiz für ihre Heiligkeit.
Doch erst die Naturwissenschaft der letzten Jahrzehnte liefert befriedigende Erklärungen für die anscheinende Lebendigkeit der Vampire. Der rosige Teint und die Wohlgenährtheit der im Grabe liegenden „Vampire“, selbst wenn sie im Leben mager und unmittelbar vor ihrem Ableben hohlwangig und bleich waren, hat nichts mit übernatürlichen Phänomenen zu tun. Das Weiterwachsen der Fingernägel, die neue Haut und Haare erklären sich schlicht durch den Fäulnisprozess. Fäulnisgase pressen Flüssigkeit unter die Oberhaut, die mit den Nägeln in Blasen abgeht. Darunter erscheint die Lederhaut, welche den Eindruck einer neu gebildeten Haut hinterlässt, und die leeren Nagelbette sehen aus, als würden sich neue Fingernägel bilden. Auch das vermeintliche Blut aus Mund und Nase sind nichts weiteres als blutfarbene Fäulnisflüssigkeit. Durch die Bildung von Fäulnisgasen erklärt sich auch die Wohlgenährtheit der vermeintlichen Vampire, da sie zu einer Aufblähung des Körpers führen. Damit wird auch klar, warum man einen Vampir besonders gut mit einen Pflock „töten“ konnte, denn nach der Pfählung sacken sie wie ein getroffener Ballon in sich zusammen.
Das Sterben während der Vampirpanik wird wohl eher nicht auf Vampirbisse zurückzuführen sein, sondern eher auf den 1849 im Blut infizierter Schafe entdeckten Milzbrandbazillus, welcher auch auf Menschen übertragbar ist. Indizien dafür sind, dass nur Viehzüchter und Bergleute in den ständig bedrohten Dörfern an der Grenze zur Türkei von der Krankheit befallen wurden. Dort stationierte Soldaten hingegen nicht. Zudem trat die Seuche nur in den Wintermonaten auf, wenn die Lebensmittel knapp und die Hungerleidenden selbst auf den Verzehr verendeter Tiere angewiesen waren. Darunter befanden sich vermutlich auch Tiere, die den Milzbrandbazillus in sich trugen. Die Folgen einer Milzbrandinfektion sind hohes Fieber, rasanter Körperverfall, Krämpfe in Brust und Magen, Herzbeschwerden – eben jene Symptome, über die auch Vampiropfer klagen. Gelangen die Erreger zusätzlich in die Lunge, nimmt die Krankheit einen extrem akuten Verlauf und die Betroffenen sterben in kurzer Zeit.
Sämtliche Vampirfälle lassen sich durch diese Hypothesen aber nicht erklären. Wenn man die alten Berichte aus der Ära der Vampirpanik glauben schenken darf, waren nicht alle Leichname „aufgeblüht“. Direkt daneben und etwa zum selben Zeitpunkt Begrabene machten bereits einen vollkommen verwesten Eindruck. Und warum haben sich beispielsweise Glaser und Flückinger nicht angesteckt, die über einen längeren Zeitraum die Vampirfälle untersuchten?
avalon-projekt.com: Die Menschen glauben, dass Vampire durch Kruzifix, Weihwasser, Holzpflock und Knoblauch verletzt, wenn nicht sogar getötet werden können. Ist dem so oder handelt es sich dabei einfach nur um Aberglauben?
Marius: Zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert, vor allem zur Zeit der Türkenkriege, war die katholische Kirche darum bemüht, ihre eher unbedeutende Position innerhalb der vorwiegend griechisch-orthodoxen und islamischen Bevölkerung im Balkanraum zu behaupten und zu erweitern. Aus diesem Grund machte sie sich um 1600 verstärkt die dort herrschende Frucht vor Vampirwesen zu Nutzen und ernannte die Vampire zu Verbündeten des Teufels, womit deren Bekämpfung automatisch in ihren Kompetenzbereich fiel. In dieser Zeit wurde das bekannte Szenario christlicher Vampirabwehr entwickelt: Kruzifix und Weihwasser galten nun als wirkungsvolle Mittel, das Grab eines umgehenden Vampirs zu versiegeln. Die endgültige Auslöschung konnte aber nur ein Priester durchführen. Die Methoden, die er dazu verwendete, wie etwa die bewährte Herzpfählung, wurden vielfach einem vorchristlichen Glauben entliehen. Allerdings überzog man sie mit einem christlichen Firnis. So mussten etwa für die Pfählung der Leichen Holzstecken genommen werden, die aus der gleichen Holzart wie das Kreuz Jesu gefertigt waren.
In Transsilvanien kam auch der Glaube auf, dass man Vampire mit Knoblauch bekämpfen kann, den man an Türen und Fenstern aufhängt. Knoblauch ist nützlich als Medizin gegen Erkältungen und andere Krankheiten, und da alles, was vor Krankheiten schützt, als gute oder „weiße“ Magie gilt, betrachtete man Knoblauch auch als geeignetes Mittel gegen die Mächte der Finsternis.
Neben dem bereits genannten Holzpflock soll auch Enthaupten und Verbrennen einen Vampir endgültig töten. Doch seien wir ehrlich, jede dieser Methoden würde auch einen normalen Menschen sicher ins Grab bringen.
avalon-projekt.com: Warum gilt gerade der Balkan als Heimat der Vampire?
Marius: Erste schriftliche Berichte über das Wirken der Vampire in Europa sind in den einzelnen Ländern unterschiedlichen Datums. Dabei ist allerdings zu beachten, dass schriftliche Aufzeichnungen nur sehr bedingt etwas darüber aussagen, wie lange der Vampirglaube in der entsprechenden Region bereits verbreitet war. Aus England gibt es seit dem Ende des 12. Jahrhunderts mehrere Beschreibungen von vampirischen Wiedergängertum. In Deutschland begegnen uns um 1337 Bereichte von wiederkehrenden Toten. Am zahlreichsten und am wirkungsvollsten waren aber die Berichte aus dem Balkan.
Der Balkanraum gilt als Schmelztiegel der verschiedenen Vampirvorstellungen. Er ist Schnittpunkt verschiedener Kulturen, die sich diese Region teilen. Slowaken, polnische Stämme, Ukrainer, Deutsche, Rumänen, Zigeunern und Ungarn trugen jeweils einen Baustein zum Vampirmythos bei. Zudem war die bereits erwähnte kriegerische Auseinandersetzung zwischen Christen und Moslems dem Glauben an Vampire förderlich.
Auch Bram Stokers „Dracula“ hatte enormen Einfluss. Seit Veröffentlichung des Romans scheint die Urheimat der Vampire für immer und ewig auf den Balkan zu liegen, genauer gesagt in das am Gebirgszug der Karpaten liegende Transsilvanien.
avalon-projekt.com: Das Vampirgenre erfreut sich heute großer Beliebtheit. Können sie sich noch daran erinnern, wann und von wem die erste Vampirgeschichte verfasst wurde?
Marius: Erste Spuren eines Vampirgenres begebnen uns in fast allen alten Hochkulturen. Bereits um 600 v. Chr. soll man sich in China Vampirgeschichten erzählt haben. Doch erst eine Gesellschaft exzentrischer Engländer im bürgerlichen Genf sollte nicht nur die Literaturgeschichte gewaltig beeinflussen, sondern auch die Mythenwelt der Neuzeit bereichern. Aber der Reihe nach.
Im Jahre 1816 ließen sich der Arzt und Schriftsteller John Polidori, der Dichter Percy Bysshe Shelley und seine spätere Frau, die Romanautorin Mary Wollstonecraft Shelley, damals noch Mary Godwin, und der Inszenator des Ganzen, der gerüchteumwobene Lord Byron in der Villa Diodati am Genfer See nieder. Die kleine Gesellschaft vertrieb sich die Zeit mir endlosen Disputen politischer, philosophischer und spiritueller Fragen. Ferner gaben sie sich dem Konsum von Laudanum hin und lasen gemeinsam deutsche Gespenstergeschichten. Schließlich schlug Byron vor, dass jeder Anwesende selber eine derartige schreiben soll. Dieser Vorschlag sollte weit reichende Folgen haben. Im verregneten Sommer von 1816 wurde nicht nur die moderne Vampirerzählung geboren, sondern es wurde auch das Monster Frankenstein erschaffen.
Mary Shelley wurde mit ihrer Geschichte zur Schöpferin Frankensteins. Die von Shelley und Byron entworfene unheimliche Geschichte blieb ein Fragment. Sie inspirierte aber John Polidori, als er seine Erzählung „Der Vampyr“ niederschrieb, welche erst 1819 anonym erschien. Dieser ersten neuzeitlichen, reinen Vampirgeschichte war ein dermaßen großer Erfolg beschienen, dass sie in Deutschland, England und Frankreich häufig kopiert und als Vorlage für Theaterstücke und Opern diente.
Der geheimnisvolle Held der Erzählung und erste Vampir des 19. Jahrhunderts war, wenngleich heute weitgehend in Vergessenheit geraten, Lord Ruthven. Lord Ruthven ist der Auslöser eines bis in die Gegenwart andauernden literarischen Vampirfiebers. Sein Ruhm sollte erst 78 Jahre später durch einen anderen Aristokraten überflügelt werden – Bram Stokers „Graf Dracula“.
avalon-projekt.com: Es fiel nun schon ein paar Mal der Name Bram Stoker. Wer war eigentlich dieser Mann?
Marius: Abraham (Bram) Stoker wurde 1847 als drittes von sieben Kindern in der Nähe Dublins geboren. Stoker entstammt kleinbürgerlichen Verhältnissen und war bis zu seinem 8. Lebensjahr ständig krank. Er konnte aus eigener Kraft kaum stehen noch gehen. Die genaue Krankheit und ebenso die völlige Genesung blieb für seine Ärzte ein Rätsel. Nach seiner Genesung wuchs Stoker zu einem jungen kräftigen Mann heran. Er immatrikulierte am Trinity College in Dublin in die Fächer Geschichte und Literatur, Mathematik und Physik. Nach dem Studium trat er als Lehrer in den Staatsdienst. Aber bereits nach kurzer Zeit zog er es vor als Journalist und Theaterkritiker sein Geld zu verdienen. Die große Wende in Stokers Leben fand im Jahr 1878 statt, als er infolge seiner Theaterkritiken Sir Henry Irving kennen lernte. Irving war der berühmteste Shakespeare-Darsteller der damaligen Zeit. Bis zu Irvings Tod 1905 sollte er dessen Manager und Privatsekretär bleiben.
Nachdem Stoker sich bereits in den 70er Jahren in seiner Freizeit als Autor phantastischer Geschichten probiert hatte, kam 1897 mit der Veröffentlichung „Dracula“ der lang ersehnte literarische Erfolg. Bis zu seinem Tod im Jahr 1912 folgten noch weitere Romane und Erzählungen, mit denen er jedoch nicht mehr an den früheren Erfolg seines „Draculas“ anknüpfen konnte. „Dracula“ gilt allgemein als der letzte große gotische Roman und dient noch heute als Vorlage für so manche Geschichte.
avalon-projekt.com: Ist bekannt, wie Bram Stoker auf die Idee kam „Dracula“ zu schreiben?
Marius: Stoker interessierte sich schon immer für Okkultismus und es ist bekannt, dass er Mitglied der Geheimloge „Golden Dawn in the Outer“ war. Entscheidenden Einfluss für die Entstehung Draculas hatte aber der renommierte ungarische Orientalist Arminius Vanbéry. Von dem an der Budapester Universität lehrenden Professor für Geschichte soll Stoker im Jahr 1890 die Geschichte des Fürsten und Menschenpfählers Vlad Tepes, auch Dracula genannt, gehört haben. Noch im gleichen Jahr begann Stoker mit der Niederschrift, an der er sieben Jahre arbeitete.
Stoker vermischte bei der Erschaffung „Draculas“ zahlreiche Mythen, wissenschaftliche Schriften und andere belletristische Werke mit eigenen Ideen. Beispielsweise floss in die Gestaltung des Grafen Dracula die historische Persönlichkeit Vlad Tepes, Polidoris Vampir Lord Ruthven und Stokers eigener Arbeitgeber Sir Henry Irving ein.
Irving muss eine sehr bemerkenswerte Persönlichkeit von fast hypnotischer Ausstrahlung gewesen sein. Über die Beziehung der beiden Männer wurde später einmal gesagt: „(Irving) war für Stoker im Leben, was Dracula in der Fiktion für Renfield war: Sein Herr und Meister.“
Stokers ließ sich bei der Erschaffung seiner Erzählung sehr viel literarische Freiheit. Beispielsweise ist sein blutsüchtiges Monster nicht in der Walachei, sondern in der schaurigschönen Landschaft Transsilvaniens beheimatet. Draculas Schloss liegt am malerischen Borgo-Paß, der das siebenbürgische Bistriz mit der Bukowina verbindet. Doch da hatte der echte Vlad nie etwas verloren. Seine Burgen und Festungen waren auch keine düsteren Opernkulissen, sondern wehrhafte Bastionen gegen das Heer der Türken.
Einen weiteren Einfluss auf die düster-melancholische Stimmung in Dracula hatte sicher die fortdauernde Krankheit und Hilflosigkeit des jungen Stokers. Immerhin mag für einen ans Bett gefesselten Menschen Schlaf und die Auferstehung aus dem Grabe, ein zentrales Thema in Dracula, nicht ohne Bedeutung sein.
avalon-projekt.com: Vlad Tepes ist eine geschichtsträchtige Person und hat durch Bram Stoker literarisch eine traurige Berühmtheit als Urvater aller Vampire erlangt. Doch welche historische Person steckte hinter dem echten Dracula?
Marius: Vlad Tepes wurde 1431 im siebenbürgerischen Karpartenstädtchen Schäßburg (Sigişoara) in einen Gasthof geboren. Der Gasthof war eine Notunterkunft, da sein Vater Vlad II. sich mit seiner Familie zu dieser Zeit im Exil befand. Im Jahr 1456 wird Draculea zu Vlad III. gekürt. Jahrelang taktierte der grausame Patriot zwischen dem ungarischen König Matthias Corvinus und dem osmanischen Sultan um seine Unabhängigkeit. Sein Titel „Draculea“ stammte zwar von einem zum Kampf gegen die Türken bestimmten Drachenorden, wurde aber bald zum Synonym für den Teufel. Vlad führte seine Bauernhaufen mit beachtlichem Erfolg gegen die türkischen Armeen. Unvorstellbare Grausamkeit trug dem Fürsten Vlad, in Christo gottgetreuer Woiwode, d.h. Fürst oder Heerführer, den Beinamen Tepes ein – was nichts anderes als „Pfähler“ bedeutet. Als Mehmed der Eroberer 1462 den Feldherrn Vlad zurückschlug, soll sein Heer bei der walisischen Hauptstadt Tîrgovişte an 20000 gepfählten Türken und Bulgaren vorbei marschiert sein. Dies erfüllte selbst den hartgesottensten Betrachter mit Grauen und führte zum Rückzug der entsetzten Türken. Auf Befehl des ungarischen Königs Corvinus wurde Dracula als Gefangener 1462 bis 1476 auf die Hochburg Visegrád gebracht. Nach seiner Freilassung erhält Vlad erneut Amt und Würden als Herrscher über die Walachei zurück. Ein Jahr später wird er jedoch getötet – entweder im offenen Kampf oder als Opfer eines Meuchelmörders. Beide Möglichkeiten werden von Geschichtsschreibern überliefert. Vlad Tepes letzte Ruhestätte liegt unter einer Klosterkirche, welche sich auf einer kleinen Insel des nördlich Bukarests gelegenen Snagov-Sees befindet. Doch als man 1936 zuletzt die Gruft öffnete, war der Sarkophag unter der Steinplatte leer...
avalon-projekt.com: Eine weitere berühmte Gestalt in Stokers „Dracula“ ist der Gelehrte van Helsing, dessen Taten kürzlich auch im Kino erschienen und der fanatisch Vampire verfolgt, um sie zu töten. Hatten sie schon einmal das „Vergnügen“ van Helsing persönlich zu begegnen?
Würde ich dann noch heute Nacht hier sitzen und auf ihre Fragen antworten können? Aber Scherz beiseite: Es wird schwierig sein Dr. van Helsing über den Weg zu laufen, da er wie so vieles in „Dracula“ eine Vermischung belletristischer Werke mit eigenen Ideen von Bram Stoker ist. Im Fall des Gelehrten van Helsing nimmt Sheridan Le Fanus 1872 veröffentlichte Erzählung „Carmilla“ eine wichtige Rolle ein. So erinnert van Helsing an die Gestalt des Barons Vordenborg, der ebenfalls unter Zuhilfenahme scheinbar abergläubischer Methoden die Vernichtung der Vampirin Carmilla betreibt.
Vom psychoanalytischen Standpunkt aus betrachtet, wäre es aber interessant zu hinterfragen, warum Stoker dem Gelehrten van Helsing ausgerechnet seinen eigenen Vornamen Abraham gab. Es wird vermutet, dass sich Stoker auf diesem Weg von seinem Brotgeber und „Meister“ Sir Henry Irving befreien wollte, der bei der Gestaltung Draculas als Vorbild diente.
Das ändert aber leider nichts an der Tatsache, dass es immer jemanden geben wird, der im Geiste van Helsings Jagd auf Vampire macht.
avalon-projekt.com: Die Gestalt des Vampirs erfreut sich seit John Polidoris Lord Ruthven großer Beliebtheit. Woran mag das wohl liegen?
Marius: Vampirismus übt eine beachtliche Suggestionskraft aus. Die heute typische Mischung aus Realem und Irrealem, aus schicksalhafter Ergebenheit und Übermenschen lässt die Figur des Vampirs zu einer Projektion eigener Triebe und Sehnsüchte werden. Die Verkörperung von ewigem Leben, außergewöhnlichen Gaben, Reichtum und Eleganz bei einer gleichzeitig vollkommen unzensierten Befriedigung der elementarsten Triebe, wirkt auf viele Menschen nicht nur ausgesprochen verführerisch, sondern hat bei einigen sogar den Wunsch aufkommen lassen, tatsächlich zum Vampir zu werden. Dies kann von einer harmlosen Marotte bis hin zu pathologischer, d.h. krankhafter, Übersteigerung reichen.
Da die Wissenschaft für alles eine Erklärung sucht und fast zwanghaft jede Erscheinungen erforschen, klassifizieren und beurteilen muss, haben Forscher auch den Vampirismus in seiner pathologisch-klinischen Form in vier Gruppen unterteilt: Den kompletten Vampirismus, welcher sowohl Bluttrinken als auch nekrophil-sadistische Handlungen beinhaltet, Nekrophilie ohne Blutkonsum, die bis zum Geschlechtsakt mit einem Leichnam reicht, psychische Vampire, die nicht auf Blut angewiesen sind und denen Graf Dracula einfach als ideale Identifikationsfigur dient und die Autovampire. Die letzte Gruppe begnügt sich damit, sich selbst zu beißen und das eigene Blut zu trinken.
Wenn sich eine derartige Blutliebe, die sogenannte Hämatophilie, anderen zuwendet, kann sie leicht in das kriminelle Milieu abrutschen. Sobald aus Phantasiespielen blutiger Ernst wird, begegnen uns die „lebenden“ Vampire. Die Liebe zum Blut steigert sich in diesen Fällen zur Hämatodipsie, dem erotischen, unstillbaren Blutdurst. Das Blut wird zum alleinigen Lebensinhalt und der Blutgenuss ersetzt jede Art von Geschlechtsverkehr.
avalon-projekt.com: Marius, ich danke ihnen für dieses Interview und den Einblick, welchen sie uns gegeben haben.
Marius: Der Dank liegt ganz auf meiner Seite. Doch eine kleine Anekdote möchte ich ihnen zum Schluss noch mit auf den Weg geben: Basierend auf Polidoris Novelle wird im Juni 1820 „Der Vampyr“ im Théâtre de la Porte-Saint-Martin in Paris uraufgeführt. Die Vorstellung ist ein grandioser Erfolg und Abend für Abend ausverkauft. Als der Schauspieler Philippe, der die Rolle des Vampirs übernommen hatte, wenige Jahre später stirbt, ordnet die Geistlichkeit an, dass er nicht christlich bestattet werden dürfe, weil er eine derart gottlose Rolle gespielt habe. Alexandre Dumas berichtete, dass damals 3000 Menschen aus Protest dem Leichenzug folgten, um Gerechtigkeit für den populären Philippe zu fordern.
Das Interview führte am 2004-05-21
[ Christoph Fischer ]
|