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Interview

mit Oliver Graute von Feder&Schwert

 

 

_Kleine Ängste (KÄ) ist ein Erzählspiel über Kindheitsängste, die Gestalt annehmen. Es handelt sich dabei um die deutsche Version der amerikanischen Ausgabe mit dem Titel „Little Fears - The Roleplaying Game of Childhood Terror“. Geschrieben und entwickelt wurde es von Jason L. Blair (Key 20 Publishing). Die deutsche Version wurde vom Verlag Feder&Schwert erstellt. Wollte man es mit einem Satz umschreiben, würde wohl am treffendsten passen: „Little Children plays Cthulhu“. Doch dies ist nur die halbe Wahrheit.

Um Kleine Ängste auch aus der Sicht des Verlegers darzustellen, habe wir ein Interview mit Oliver Graute von F&S durchgeführt. Oliver Graute war maßgeblich für die Umsetzung der deutschen Auflage verantwortlich.

 

 

avalon-projekt.com: In Anlehnung an ein anderes bekanntes Horror-Rollenspiel versuchte ich KÄ mit dem Satz: „Kleine Kinder spielen Cthulhu“ kurz zu umreisen. Wie würdest Du KÄ beschreiben?

 

OG: Naja, es liegt glaube ich in der Natur der Sache, daß man versucht Neues mit Altem zu erklären. Grundsätzlich würde ich wahrscheinlich einem Unbedarften denselben Erklärungsansatz gegenüber verwenden. Eigentlich hat Kleine Ängste aber mit Cthulhu so viel zu tun, wie Engel mit In Nomine, um im Genre zu bleiben. Nämlich gar nichts. Ich würde sagen, Kleine Ängste ist ein Spiel, in dem man sich seinen alltäglichen Ängsten stellen und sie überwinden muß. Es ist ein Spiel über Kinder, die stark und mutig genug sind dem wahren Grauen die Stirn zu bieten und es ist ein Spiel für Erwachsene und aufgeschlossene Menschen, die keine Angst haben über ihren eigenen Schatten zu springen.

 

 

avalon-projekt.com: Worin siehst Du persönlich die Vorzüge und Besonderheiten von KÄ gegenüber anderen Systemen?

 

OG: Das Besondere an KÄ ist sicherlich das Thema der Geschichte. Für viele, die im Vorfeld davon gehört haben und nur Halbwissen über die Inhalte besaßen, war es der Bruch eines Tabuthemas. „Mit so Dingen wie Kindesmißbrauch macht man keine Scherze!“, hieß es da. Stimmt, daß sehen wir genauso. Aber KÄ will auch gar nicht Sensationsgeil auch noch die letzten Tabus brechen, sondern Wachrütteln und Bewußtmachen, daß es in unserer Gesellschaft so etwas gibt wie eben Mißbrauch und das die Opfer nur selten in der Lage sind, sich gegen solchen Mißbrauch zu wehren. In KÄ kann man erfahren, wie man sich fühlt, wenn einem niemand glauben schenkt und man nicht ernst genommen wird. Die Welt der Kinder ist eine andere, als die der Erwachsenen.

Als „Vorteil“ würde ich persönlich weniger die Inhalte, als vielmehr den Spielmechanismus sehen. Die Regeln des Spiels sind schlicht, einfach und schnell zu begreifen. Das macht es gerade Einsteigern leicht, in das Hobby einzusteigen. Und nein, ich glaube nicht, daß sich KÄ ausschließlich an ein erfahrenes Rollenspielpublikum richtet.

 

 

avalon-projekt.com: Wie kam es eigentlich dazu, dass eine deutsche Version von „Little Fears“ bei F&S erschien?

 

OG: Okay, hier die Kurzfassung. Wir besuchten die größte US-Rollenspielmesse GEN CON wie jedes Jahr und fanden eigentlich nichts besonders Neues auf dem Markt, da sich unterdessen jede Rollenspiel-Firma in den Staaten mit der Produktion von D20-Produkten befaßt. Da bleibt offensichtlich keine Kreativität für Innovatives übrig. Doch halt, einer der Stände hielt doch daß Zepter der Unabhängigkeit hoch. K20-Publishing, ein Ein-Mann-Unternehmen hatte dieses unglaublich coole Buch auf dem Tisch liegen. Peng! Wir kamen ins Gespräch, wir kauften ein Buch bei ihm und am nächsten Tag, verhandelten wir über die Rechte. So war’s.

 

 

avalon-projekt.com: Wie war die Zusammenarbeit mit KEY20 Publishing? Gibt es Überlegungen weitere KEY20 Produkte zu übersetzen?

 

OG: Jason Blair ist ein sehr netter Mensch und wir haben sehr gut mit ihm zusammengearbeitet. Er ließ uns alle Freiheiten bei der Adaption und Lokalisation des Werks. Kleine Ängste ist und bleibt als Einzelprodukt in unserem Portfolio. Ob wir noch weitere Produkte aus dem Hause Key20 lizenzieren, steht derzeit noch im Raum.

 

 

avalon-projekt.com: In KÄ kann es auch um Verbrechen an Kindern, wie Misshandlungen und sexuellen Missbrauch gehen. Viele werden das Thema für gewagt halten, andere für verwerflich. Wie denkst Du über Kindesmisshandlungen in Rollenspiel?

 

OG: Ich denke, es gibt im Rollenspiel überhaupt nur ein Tabu. „Zwinge deine Mitspieler zu nichts, daß sie nicht wollen!“ Es steht jeder Runde frei, zu spielen, was und wie sie will. Es ist ohnehin unmöglich, einen Überwachungsmechanismus für „richtiges“ und „falsches“ Spiel zu ersinnen. Schließlich können die Verlage nicht hinter jeder Rollenspielgruppe stehen und ihnen sagen, was sie zu tun oder zu lassen haben. Verwerflich ist meiner Meinung nach nur eins. Etwas zum reinen Selbstzweck zu tun. Eine Mißbrauchsszene ist schlimm und sie wird noch schlimmer, wenn ein Erzähler eine solche Szene anbringt ohne darüber nachzudenken, warum er es tut.

 

 

avalon-projekt.com: Wie waren bis jetzt die Reaktionen auf KÄ?

 

OG: Durchweg positiv. Anfangs war es anders. Menschen, die nur vom Hörensagen von dem Thema berührt worden waren, standen dem Buch sehr kritisch gegenüber, dann aber, als sie sahen, um was es sich bei KÄ wirklich handelte und nachdem sie das Buch gelesen hatten, waren sie begeistert. Ich denke, daß ist der Beweis dafür, daß man selbst Themen, wie sie in KÄ angesprochen werden, mit dem gebotenen Respekt, erfahrbar machen kann.

 

 

avalon-projekt.com: Was sind Deine eigenen Erfahrungen mit KÄ? Ich gehe mal davon aus, dass du es selber schon gespielt hast.

 

OG: Klar, habe ich es geleitet. Auch meine Erfahrungen sind durchweg positiver Natur. Ich habe herausgefunden, daß es für Frauen leichter ist, sich in die Thematik hineinzuversetzen. Ich habe überdies herausgefunden, daß der Horror-Aspekt nur ein sehr kleiner Bestandteil der Stimmung des Spiels ist. Je weniger Horrorelemente innerhalb eines Abenteuers auftreten, desto grusliger wird die Stimmung, wenn es dann mal dazu kommt. Die meiste Zeit über lasse ich die Charaktere einfach Kinder sein, was für viele schon schwer genug ist.

 

 

avalon-projekt.com: Sicherlich ist KÄ kein Erzählspiel für Einsteiger und auch nichts für Jedermann. Warum habt Ihr trotzdem auf einen eindeutigen Hinweis auf dem Cover verzichtet?

 

OG: Das sehe ich anders. Ich glaube, daß KÄ durchaus ein Einsteigerspiel sein kann, wenn der Erzähler in der Lage ist, zu begreifen worum es geht. Von Hinweisen wie „Nur für Profis!“ oder Ähnlichem halte ich überhaupt nichts. Ich habe Spieler kennengelernt, die seit zehn Jahren Rollenspiel leiten und spielen und denen ich weder zutraue KÄ zu spielen noch ihnen dazu raten würde. Und ich habe Menschen kennengelernt, die von ihrer ersten Stunde als Rollenspieler an, ein natürliches Verständnis der Materie entwickelt hatten.

 

 

avalon-projekt.com: Der Markt von Rollenspielsystemen ist heiß umkämpft und auch Ihr müsst von irgendetwas Leben. Das Thema von „Little Fears“ wird aber wahrscheinlich nie eine Breite Masse von Rollenspielern ansprechen, trotzdem habt Ihr das Spiel auf den Markt gebracht. Was war hierfür der Ausschlag?

 

OG: Für uns war KÄ von Anfang an ein Liebhaberstück. Wir haben es gemacht, weil wir den Eindruck hatten, es müßte gemacht werden. Sozusagen als Missing Link in der Rollenspielbranche. Wir vertreten den Anspruch, daß Feder&Schwert neben den notwendigen Produkten, die unser täglich Wasser und Brot sichern, auch solche Produkte auf den Markt bringen muß, die unserer Auffassung nach eine Bereicherung des Hobbys darstellen. Und für eine solche Bereicherung halten wir KÄ.

 

 

avalon-projekt.com: Wie zufrieden seid Ihr mit dem Verkauf von KÄ? Gibt es schon Zahlen, wie häufig es über den Ladentisch ging?

 

OG: Ich bin zufrieden. Ich glaube, wir haben 600 oder 700 verkauft.

 

 

avalon-projekt.com: Mittlerweile ist „Auferstehung“, die neue CD der Gruppe Janus erschienen. Die Limited Edition kommt im Doppeldigipack mit der Bonus CD Kleine Ängste daher. Wie seid Ihr eigentlich überhaupt auf die Idee gekommen, eine musikalische Untermalung für ein Rollenspiel mit anzubieten?

 

OG: Naja, Musik kann im Rollenspiel einen hohen Stellenwert haben, ähnlich wie bei einem Film. Ich selbst leite beinahe ausschließlich mit Musik und da wir mit dem Engel-Soundtrack sehr gute Erfahrungen gemacht haben, lag es nah, für KÄ dasselbe anzustreben.

 

 

avalon-projekt.com: Kleine Ängste und die Gruppe Janus – wie kam es zu dieser Verbindung und wie war die Reaktion von Janus auf das Erzählspiel?

 

OG: Die Musik von Janus gefiel mir schon länger und eigentlich kamen wir auf einer ganz anderen Ebene zusammen. RIG, der Sänger von Janus, arbeitete seinerzeit für eine Computerspielefirma und wir wollten mit ihm eigentlich über ein ENGEL-Computerspiel reden. Ursprünglich wollten wir nämlich mit In the Nursery die KÄ-CD machen. Da ITN aber bis über beide Ohren in Arbeit steckte ging das nicht und bei einem netten Zusammensitzen fragte ich RIG, ob er sich nicht vorstellen könne, in die Bresche zu springen. Ihm gefiel das Thema sofort, vor allem, weil sich herausstellte, daß ihr, zu dieser Zeit noch in Arbeit befindliches Album „Auferstehung“, thematisch eng mit KÄ verbandet war. Streng genommen konnte man sagen, KÄ war die Vorgeschichte zu Auferstehung ohne das beide Seiten etwas voneinander wußten. Einer der vielen Zufälle des Lebens.

 

 

avalon-projekt.com: Was erwartet den Besitzer des Kleine Ängste-Soundtrack beim Hören?

 

OG: Musik! Nein, mal im Ernst. Anders als beim Engel-Soundtrack dient der KÄ-Soundtrack eher der Grundstimmung, die einen in das Thema einführt und weniger der Untermalung für seine Spielsitzung. Ich finde die CD sehr gelungen und das dazugehörige Hörbuch ebenfalls. Die Thematik ist sehr bitter und auch für Nicht-Spieler ist die CD sicherlich eine Bereicherung einer jeden CD-Sammlung.

 

 

avalon-projekt.com: Zeitgleich mit der Veröffentlichung des Kleine Ängste-Soundtrack erschien auch das Hörbuch zu Kleine Ängste. Um was dreht es sich hier?

 

OG: RIG und Tobi fanden das Thema so spannend und die Geschichte, die RIG geschrieben hatte, um sie der KÄ-Soundtrack CD zugrunde zu legen, so faszinierend, das sie sich kurzerhand entschlossen, den Synchronsprecher Reinhard Schulat, mit dem sie gerade an der Produktion von „Auferstehung“ saßen, für das Projekt „zwangszuverpflichten“. Das Ergebnis ist wirklich großartig.

 

 

avalon-projekt.com: Wird es neben dem Regelwerk und den beiden CDs weitere Produkte zu KÄ geben?

 

OG: Vom heutigen Standpunkt aus, kann ich ruhigen Gewissens sagen: Nein.

 

 

avalon-projekt.com: Nach welchen Gesichtspunkten sucht Ihr bei F&S eigentlich neue Systeme aus, die Ihr verlegen wollt?

 

OG: Naja, das ist eigentlich ganz einfach. Marktchancen stehen natürlich im Vordergrund. Der Rollenspielmarkt in Deutschland ist so klein, daß man jedoch nicht soviel machen kann, wie man gerne würde. KÄ war eine Ausnahme. Wir wollten es machen, also haben wir es getan, und es war uns auch völlig egal, ob es sich rechnen würde oder was man an sonst noch rausschlagen kann.

 

 

avalon-projekt.com: Wird es in naher Zukunft neue Veröffentlichungen von F&S geben oder bleibt es bei Eurem eigenen System „Engel“ und den Übersetzungen von White Wolf-Produkten?

 

OG: Natürlich gedenken wir auch weiterhin unser Verlagsprogramm auszubauen und nach immer neuen Herausforderungen zu streben. Und ich verspreche, daß ihr schon sehr bald Neues von uns hört.

 

 

avalon-projekt.com: Wir danken Dir für dieses Interview und wünschen Dir viel Erfolg mit Kleine Ängste.

 

 

Das Interview führte am 2004-04-10

 

[ Christoph Fischer ]


 

 


Stand:  2004-09-12 18:52 | Es ist 1 Besucher online. | Ihr seid nicht angemeldet.