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Kleine Ängste

Autor: Jason L. Blair

Art: Grundregelwerk

Gebundene Ausgabe – 120 Seiten - Feder & Schwert

Erscheinungsdatum: Oktober 2003

ISBN: 3-935282-92-3

Erhältlich bei: Amazon

 

 

 

 

 

 

 

 

Erinnern Sie sich an die Zeit,

als Sie jung waren

und Sie sich vor allem gefürchtet haben,

was des Nachts umherstreifte?

 

Haben Sie sich jemals gefragt,

wohin diese Schrecken verschwunden sind?

 

 

_In den hintersten Winkeln unserer Gedanken schlummern all unsere Kindheitserinnerungen: Die Aufregung vor dem ersten Schultag, die Vorfreude vor den Geburtstagen, die Anspannung beim Versteckspielen, das Gefühl, alles erreichen zu können, nachdem wir den ersten Baum erklommen haben. All dies sind Erinnerungen, an die wir uns gerne erinnern. Doch noch tiefer vergraben in den Windungen unseres Geistes verstecken sich andere Erinnerungen. Erinnerungen, die weniger erfreulich sind. Erinnerungen an andere Dinge. Dinge, die uns die ganze Nacht wach hielten, mit der Bettdecke über dem Kopf. Dinge, die an der Fensterscheibe kratzten und nach uns riefen. Dinge, vor denen wir unser Gesicht im Kopfkissen vergruben oder uns nach Mami und Papi schreien ließen, damit sie uns retten kamen. Erinnerst Du dich?

Die Geschichten von bösen Hexen, dem Schwarzen Mann, das Monster unter dem Bett und im Schrank sind Wirklichkeit und keine Hirngespinste. Doch wir sind erwachsen geworden und haben diese Dinge vergessen, verdrängt, rationalisiert. Du magst sie vergessen haben … aber sie haben Dich nicht vergessen!

 

Kleine Ängste ist ein Erzählspiel über Kindheitsängste, die Gestalt annehmen. Es handelt sich dabei um die deutsche Version der amerikanischen Ausgabe mit dem Titel „Little Fears - The Roleplaying Game of Childhood Terror“. Geschrieben und entwickelt wurde es von Jason L. Blair (Key 20 Publishing). Die deutsche Version wurde vom Verlag Feder & Schwert erstellt. Wollte man es mit einem Satz umschreiben, würde wohl am treffendsten passen: „Little Children plays Cthulhu“. Doch dies ist nur die halbe Geschichte. Anders als in dem von H.P. Lovecraft erschaffenen Cthulhu-Mythos, geht es nicht um schreckliche Wesen, die sich soweit außerhalb unserer Vorstellungskraft bewegen, dass sie uns in den Wahnsinn treiben. In Kleine Ängste stellen sich die Spieler ihren eigenen Ängsten aus längst vergessenen Tagen. Begegnen Dingen, die wir alle nur zu gut aus „Kindergeschichten“ in Erinnerung haben. Es spielt auch nicht in dunklen Wäldern und alten Ruinen, die seit Menschengedenken niemand mehr betreten hat, oder Dörfern weit ab vom Puls des Lebens. Die Schauplätze in Kleine Ängste sind das vertraute Kinderzimmer, der Spielsplatz um die Ecke und der Heimweg von der Schule. Darüber hinaus wird niemand den Charakteren mit Informationen helfen oder sogar tatkräftig zur Seite stehen, da die Erwachsenen einfach nicht die Monster aus dem Land unter dem Bett sehen können. Die Charaktere haben nur sich, ihren Freundeskreis und die Macht der Phantasie. So lernen die Spieler erneut die ohnmächtige Hilflosigkeit eines Kindes kennen, gefangen zwischen Schule, Hausaufgaben, festen Essenszeiten und misstrauischen Eltern, dessen fantastische Geschichten über Monster niemand glaubt. Und wenn man es zu doll treiben sollte, drohen Hausarrest oder schlimmeres.

 

„Die Charaktere und Ereignisse in diesem Buch sind fiktiv … Dennoch erfahren Kinder jeden Tag Schrecken, die den in diesem Spiel beschriebenen gleichkommen. Feder & Schwert widmet dieses Buch jenen Verlorenen, hilflosen Kindern. Mögen Sie niemals vergessen werden.“ Mit diesem Hinweis beginnt das Erzählspiel Kleine Ängste, dessen Grundidee sehr leicht missverstanden werden kann. Es geht nicht darum, sich über tragische Ereignisse lustig zu machen oder einfach nachzuspielen, sondern die Hilflosigkeit der Kinder in Angesicht des alltäglichen und fantastischen Horrors am "eigenen Leib" zu erfahren.

Blättert man nach diesem Hinweis ein paar Seiten weiter, stößt man auf die verstörenden Tagebucheinträge der kleinen Jenna, die immer mehr in die Fänge des Monsters unter dem Bett gerät und damit gleichzeitig auch den Leser in dessen Bann zieht. Danach folgen die erschreckenden Statistiken des BKA und Kinderschutzbundes über Kindesmissbrauch und verschwundene Kinder in Deutschland, sowie weiterführende Gedankengänge. Spätestens nach Ende dieses Abschnittes ist jedem bewusst, auf was für ein Spiel er sich einlässt, wenn er weiter liest.

 

Daraufhin wendet sich Kleine Ängste im Kapitel 1 der Frage zu, „Wie es ist, wieder klein zu sein?“ Nachdem ein paar Tipps gegeben werden, wie man erneut die Welt mit Kinderaugen sehen kann, geht das Grundregelwerk schnell zur Charaktererschaffung über. Die Charaktererschaffung der 6 bis 12-jährigen Kinder, in deren Rolle man schlüpft, erinnert an die Steckbriefbücher "Meine Schulfreunde". Neben den optischen Daten werden die besten Freunde, das liebste Spielzeug und die Vorzüge, wie beispielsweise ein ausgezeichnetes Gedächtnis, beidhändig, flink, und die Nachteile wie etwa Angsthase, Asthma, Raufbold, aufgeführt. Die grundlegenden körperlichen oder geistigen Eigenschaften werden in Form von einem Köpfchen-, Muskeln-, Hände-, Füße- und Geist-Wert festgehalten, die durch einen Grundwert und die Verteilung von 6 Gummipunkten entstehen. Darüber hinaus verfügt jeder Charakter über die drei Tugenden Seele, Furcht und Unschuld, welche sich auf die nicht fassbaren Aspekte der Persönlichkeit beziehen. Die Tugenden Seele und Furcht haben dabei einen festen Startwert, die Unschuld ergibt sich automatisch aus dem Alter des Charakters. Damit hält sich der Aufwand der Charaktererschaffung erfreulich gering.

Jedesmal, wenn nun der Ausgang einer Handlung ungewiss ist und der Erzähler die Entscheidung dem Zufall überlassen möchte, gilt es entweder einen so genannten Test oder ein Quiz zu würfeln. Der Unterschied zwischen beiden Entscheidungshilfen ist der, dass ein Quiz immer dann gewürfelt wird, wenn der Charakter keinen direkten Gegner hat. Ziel des Quiz ist es, mit einem 6-seitigen Würfel unter den der gewünschten Handlung entsprechenden Wert des Charakters zu würfeln. Ein Test-Wurf ist umgekehrt immer dann erforderlich, wenn es um Aktionen gegen andere geht oder solche, die von anderen beeinflusst werden. Um einen Test erfolgreich zu absolvieren ist es notwendig, den betreffenden Wert des Gegners zu überwürfeln; im Gegenzug muss der Gegner auch den Wert des Charakters übertreffen. Der betreffende Wert ist auch hier abhängig davon, was der Charakter zu tun versucht und was das Gegenüber verhindern will. Der Spielmechanismus für beide Proben ist bis auf das Ziel gleich. Für jede Eigenschaft, die in direktem Zusammenhang mit der Handlung stehen könnte, wird ein weiterer 6-seitiger Würfel in den Würfelpool genommen. Bei Vorzügen wird der für den Charakter günstigere Wert behalten (für einen Test den höchsten, für ein Quiz den niedrigsten Wert). Sollte die Handlung durch Nachteile beeinflusst werden, so wird der schlechtere Wurf gewertet. Nach ca. 14 Seiten ist die komplette Charaktererschaffung und die „Spielplatz“-Regeln abgehandelt, wobei bereits allein die Auflistung der Vorzüge und Schwächen sich über etwa 5 Seiten erstreckt.

 

Das darauf folgende Kapitel 2 „Die Tugenden der Kindheit“ versucht die verschiedenen Aspekte von Seele, Unschuld und Furcht zu durchleuchten und Richtlinien für ihren Gebrauch im Spiel zu formulieren. Die Seele ist in Kleine Ängste ein greifbares Gut, das in der Tat verletzt, gepeinigt, zerstört und sogar wiedergeboren werden kann. Unschuld und Furcht sind Elemente fast jeder Gruselgeschichte und behandeln die psychischen Veränderungen ähnlich der Stabilität in Cthulhu. Außerdem wird in diesem Kapitel auf die Magie des Glaubens eingegangen, die Kinder dazu befähigt, das Unmögliche möglich zu machen.

 

Im Vergleich zu anderen Genre-Erzählspielen wie Fantasy- oder Science Fiction-Rollenspielen, zu denen es eine Fülle von Vorlagen in Büchern, Film und Fernsehen gibt, die zum Serienverhalten geradezu ermuntern, macht Kleine Ängste auf den ersten Blick den Eindruck, als könnte man kaum mehr als zwei oder drei Abenteuer bestehen. Dass dieser Eindruck trügt, erläutert das Kapitel 3 „Die Kinder bei der Stange halten“. Hier finden sich auch die Regeln für Erwachsene mit sehr allgemein gehaltenen Beispielcharakteren und Schutzengeln. Mit der Beschreibung von Krimskrams, in anderen Genres magische Artefakte genannt, endet das Kapitel.

 

Im Kapitel 4 „Unter dem Bett“ dreht sich auf 32 Seiten alles um das Land unter dem Bett und seine Bewohner. Jede Furcht, jeder Albtraum und jeder kleine ängstliche Gedanke, der uns wie beiläufig in den Sinn kommt, nimmt hier Gestalt an. Angeführt wird es von einer Kreatur, die man nur als den Demagogen kennt und dessen Wesen erfüllt ist von Hass auf alles Unschuldige. Die obersten Diener des Demagogen, die sieben Könige, verkörpern fleischgewordene Aspekte der Dekadenz des Landes unter dem Bett und streben nach Macht über unsere Kinder. Darüber hinaus geben sich auf diesen Seiten die anderen Monster unter dem Bett, Körperdiebe und Alltagsmonster ein Stelldichein.

 

Das letzte Kapitel „Gruselgeschichten“ stellt eine Auswahl von Szenarien vor und gibt Anleitungen, wie man selbst ein neues Kleine Ängste-Abenteuer gestalten kann. Es gibt damit Ideen und Anregungen, wie die Informationen in diesem Buch umgesetzt werden können. Meist handelt es sich dabei nicht um vollständig ausgearbeitete Abenteuer, sondern um grob umrissene Handlungsideen.Abgerundet wird das Grundregelwerk mit einem Nachwort von Oliver Graute, Links rund um das Thema Kindesmisshandlungen und den zwei Charakterbögen für Jungen und Mädchen, die ganz im Stil der Steckbriefbücher "Meine Schulfreunde" gehalten sind.

 

Die 120 Seiten des Grundregelwerks Kleine Ängste sind in ein stabiles Hardcover gebunden. Das Format und das Cover erinnern an die aus früheren Tagen bekannte Schulfibel. Das durchgehend düster gehaltene Layout und die Innenillustrationen bauen auf schwarz-weißen Photocollagen auf. Diese erwecken meist den Eindruck, als könnte der Betrachter einen Blick hinter das Offensichtliche auf den wahren Schrecken erhaschen. Dadurch vermitteln sie sehr gut die Stimmung von Kleine Ängste. Darüber hinaus wird jedes Kapitel mit einem kurzen Abschnitt eingeleitet, in dem sich die jeweilige Stimmung auch in Worten widerspiegelt, wie z.B. bei den Königen, oder es wird ein kurzer Überblick über den Inhalt des folgenden Kapitels gegeben. Die herausragende Typographie macht das ganze Werk zu einem visuellen Lesevergnügen. Die einzigste Stelle an der die Typographie das Lesen des Textes fast unmöglich macht, ist auf der zweiten Seite zu finden. Dort kann man unter dem Punkt „Mitarbeiter“ nur sehr schlecht lesen wer genau was gemacht hat.

Wie der Leser im Nachwort erfährt, dauerte es über 2 Jahre vom ersten Kontakt des Verlages Feder & Schwert mit „Little Fears“, bis endlich die vorliegende Ausgabe erschien. Dies lag zu einem am Erscheinen des verlagseigenen Rollenspiels Engel. Auf der anderen Seite waren weder die Innenillustrationen noch das Cover Teil des Lizenzvertrages. So übernahm besonders Oliver Graute von der Übersetzung über die Illustrationen und das Layout bis hin zur Adaption des Textes die Arbeit an Kleine Ängste. Da von Anfang an klar war, dass sich in der Originalversion kein deutscher Leser mit den Inhalten identifizieren könnte, wurden bei den Alltagsmonstren das Augenmerk auf die Monster unter dem Bett verschoben. Wandschränke prägen nun mal deutsche Kinderzimmer nicht annähernd so wie amerikanische. Deswegen wurden aus dem amerikanischen Closet Monster und dem Closetland das Monster unter dem Bett und das Land unter dem Bett. Die Sieben Könige haben sich in Teilen geändert. Der Schwarze Mann, Titania und Baba Yaga sind gleich geblieben. Die Pechmarie ist als Königin der Faulheit, die Böse Königin Malefiz ist als Königin des Neids und Rübenzahl als König des Zorns dazugekommen, da die vorherigen Babylonischen Gottheiten nicht so gut passten. Lediglich die Einleitungstexte wurden übernommen. Bei Pan als König der Wollust ist dagegen recht wenig beibehalten worden, da der ursprüngliche „Defiler“ zu konstruiert erschien. Auch die Kinder von Schmerz und Leid sind komplett ersetzt worden durch die Zahnfee und ihre Brut. „Little Fears“ wurde dadurch neu interpretiert, angepasst an europäische Sagen und Mythen mit ihren eigenen Schrecken und den daraus resultierenden Ängsten.

 

Fazit:

_Kleine Ängste - Ein Erzählspiel um Kindheitsängste ist nichts für Einsteiger in Erzählspiele und sicher auch nicht für Jedermann geeignet. Es geht um die Hölle für Kinder, die leider viel zu alltäglich ist, gepaart mit unglaublichen Schrecken aus unseren ureigensten Alpträumen. Die Geschichten für Kleine Ängste liegen auf der Straße, stehen in der Zeitung oder kennen wir bereits aus unser eigenen Kindheit. Es können alltägliche Abenteuer sein, detektivische Erlebnisse, wahr gewordene Märchen oder von vornherein unmögliche Rettungsmissionen ins Land unter dem Bett selbst. Der zentrale Kern des Spiels ist aber immer Horror und dieser ist in der Haut eines wehrlosen kleinen Kindes deutlich umfassender als in der eines gestandenen Erwachsenen.

Optisch und Inhaltlich gefällt mir Kleine Ängste sehr gut. Mit jeder Seite wird man tiefer in den Bann des Landes unter dem Bett gezogen. Schon nach den ersten 10 Seiten habe ich mich bereits meiner eigenen längst vergessenen Ängste und Alpträume, aber auch schönen Momente aus meiner Kindheit erinnert. Man merkt, dass hier mit viel Liebe und Feingefühl an die Umsetzung gegangen wurde. Ich kenne die amerikanische Originalausgabe nicht, aber ich habe mir von Personen, die beide Versionen kennen, sagen lassen, dass die Anpassung an die europäischen Sagen und Mythen durchweg positiv zu bewerten ist und dem Spiel die richtige Richtung geben.

Ich hoffe sehr, dass Kleine Ängste mit einen bescheidenen Teil an der Sensibilisierung unserer im Alltagstress gefangenen Welt für die Ängste und Sorgen unserer Kinder beiträgt. Leider wird auch heute noch viel zu oft der Blick abgewendet, wenn eine helfende Hand nötig ist. Doch einem Irrglauben sollte man nicht erliegen: Hier wird Kindesmisshandlung nicht schön gespielt. Dies ist ein sehr heikles Thema und Spielgruppen sollten sich, wenn überhaupt, nur mit sehr viel Feingefühl diesem nähern. Gleichzeitig sollte man aber auch nicht die Augen vor der Gewalt an Kindern verschließen. Das haben diese verlorenen, hilflosen Kinder nicht verdient. Kleine Ängste ist eine Gratwanderung - bietet aber einige der intensivsten und aufregendsten Abenteuer. So bleibt mir nur noch eins zu sagen: Taucht ein in eine Welt voller Märchen, Mythen und Monster. Die Tore stehen offen.

 

 

Sie haben doch nicht etwa Angst, oder?

 

 

[ christoph fischer ]

[ alchem(at)avalon-projekt.com ]


 

 


Stand:  2003-11-12 01:08 | Es ist 1 Besucher online. | Ihr seid nicht angemeldet.