Die Chroniken der Engel
Autoren: Oliver Graute, Oliver Hoffmann, Kai Meyer
Art: Grundregelwerk
Gebundene Ausgabe – 272 Seiten - Feder&Schwert
Erscheinungsdatum: Oktober 2001
ISBN: 3-935282-26-5
Erhältlich bei: Amazon
_Die Chroniken der Engel sind ein Rollenspiel vor dem Hintergrund des 27. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung. Die Erde ist durch Seuchen und ökologische Katastrophen zerstört. Gewaltige Fegefeuer brennen dem Planeten ihr dunkles Zeichen ein. Wind und Wetter geißeln das karge Land, der Wasserspiegel ist überall bedrohlich angestiegen und hat das Antlitz der Alten Welt unwiderruflich verändert. Der Himmel hat sich verfinstert, und es regnet fast ununterbrochen.
Die Chroniken der Engel spielen in Europa. Die Menschheit ist infolge der Katastrophen in ein postapokalyptisches Neomittelalter zurückgefallen. Die bestimmende Kraft im Leben der Menschen ist eine alles beherrschende, zu neuem Glanz erstarkte Kirche, die von Roma Æterna aus die Geschicke des Kontinents lenkt und deren Symbol schlechthin die himmlischen Heerscharen sind. Die Helden dieser Welt, die Charaktere, in deren Rolle die Spieler schlüpfen, sind in erster Linie die Engel – die Boten des Herrn. Sie sind mit großer Macht ausgestattet und sehen äußerlich in Grundzügen den Menschen, die ihrem Schutz anbefohlen sind, ähnlich. Die Streiter des Einen führen einen scheinbar aussichtslosen Kampf gegen die unheilbringenden Kreaturen des Herrn der Fliegen – die Traumsaat. Der Herr der Fliegen, der ewige Widersacher des Herrn, wirft Legionen um Legionen nichtsahnender Sklaven und williger Werkzeuge in die Schlacht, um die Welt nach seinem Bilde umzuformen.
Das Grundregelwerk Chroniken der Engel ist das jüngste Projekt des Verlages Feder & Schwert. Unter der Federführung von Oliver Graute, Oliver Hoffman und Kai Meyer ist mit Die Chroniken der Engel das erste eigene Rollenspielsystem des Verlages entstanden. Das Grundregelwerk umfasst nach zwei Jahren Arbeit von der Idee bis zur endgültigen Fassung nun gute 270 Seiten. Es ist dabei in zwei Bücher unterteilt. Das erste Buch „Scriptura“ befasst sich mit der Welt, während das zweite Buch „Regelarium“ regeltechnisch orientiert ist.
Im Verlauf dieser Rezension soll ein ausführlicher Überblick über den Inhalt der Bücher gegeben werden. Eine Beschreibung der gelungenen Aufmachung, sowie eine kritische Auseinandersetzung mit dem Aufbau und Inhalt sollen dabei nicht fehlen.
Zu Beginn des ersten Buches „Scriptura“ gibt es die bereits obligatorische kurze Einführung in das Erzählspiel und eine Auflistung des Quellenmaterials, welches dem Spielleiter als Inspiration dienen kann. Ein kurzer Überblick über den Inhalt der folgenden Kapitel ist, in anbetracht der größtenteils lateinischen und deshalb für diejenigen, die des Lateinischen nicht mächtig sind, nicht besonders vielsagenden Kapitelüberschriften eine durchaus sinnvolle Ergänzung.
Danach geht es im Kapitel „Historia Apocalyptica“ tiefer in die Materie. Hier wird in play beschrieben, wie es zu der Welt, wie sie sich den Engeln und Menschen heute zeigt, kam. Dabei geht es um ein Expert aus der Historia Millenii Tertii des Wenzel von Prag, das durch einen gewissen Helder der Ketzer verfasst und mit wenig frommen Kommentaren versehen ist. Dadurch wird auf geschickte Weise die Sichtweise der Angeliltischen Kirche und die eines ihr entgegenstehenden Ketzers gegenübergestellt. Allein dieses Kapitel ist vom Layout sehr gut gelungen und schließt mit einem chronologischen Abriss für den Erzähler ab.
Im Kapitel 2 „Urbi et Orbi“ wird auf 30 Seiten (!) genau und ausführlich das Europa des 27. Jahrhunderts beschrieben. Angefangen beim Klima, den Gesellschafts- und Machtstrukturen über die Architektur, Flora und Fauna, Namensgebung, Wirtschaft, Verkehrswesen bis hin zur Mode der Zeit und Ernährung erfährt der interessierte Leser alles über die Welt, in der die Engel leben. Diese ist zwischen Postapokalypse, tiefstem Mittelalter mit asiatischem Touch und einem Hauch Mysterium angesiedelt. Am Ende fasst ein kurzes Lexikon die wichtigsten Begriffe und Namen nochmals zusammen.
Um die Organisationsstrukturen und die verschiedenen Gruppen innerhalb und außerhalb der Kirche dreht es sich im darauf folgenden Kapitel „Mater Ecclesia“. Darin werden auch Heilige, Feiertage und die Riten der Heiligen Mutter Kirche nicht vergessen.
Auf den Seiten „Promissium“ geht es um die Engel selbst, die als Spielercharaktere vorgesehen sind, und die fünf Engelsorden – die Michaeliten, Gabrieliten, Raphaeliten, Urieliten und Ramieliten. Je eine Doppelseite ist dabei den Orden gewidmet. Darin wird auf das Wesen, die Merkmale, die Ausbildung und die Mächte der Engel aus den verschiedenen Orden eingegangen. Dies ist aber so vage gehalten, dass getrost alle Spieler die Beschreibung zu allen Orden durchlesen können, ohne allzu viele Geheimnisse zu erfahren. Es ist sogar angeraten, die Beschreibungen der Orden durchzulesen, da es ungemein hilft, das Bild von den Engeln zu vervollkommnen. Die Stimmung der Engelsorden wird durch jeweils eine weitere seitenfüllende Darstellung der Engel vervollständigt.
Das letzte Kapitel des ersten Buches „Amici et Inimici“ macht Anmerkungen zu den Mitstreitern und den zahlreichen Feinden der Engel mit deren spieltechnischen Notierungen, was keine Wünsche offen lässt. Dabei stößt man auf zahlreiche Personen aus dem Roman: Hiobs Botschaft und aus den Kurzgeschichten zwischen den Kapiteln. Lediglich die Traumsaat, das dämonische Insektengezücht des Herrn der Fliegen, kommt mit nur zwei kleineren Arten mehr als zu kurz.
Ungefähr in der Mitte des Grundregelwerks beginnt das Zweite Buch: „Regelarium“.
Das erste Kapitel „Fundamente“ und das darauffolgende „Sermon“ enthalten eine Einführung in die Welt des Erzählspiels und erklärt zukünftigen Erzählern, wie man spannende Abenteuer konzipiert, gibt Tipps und Hilfestellung, sowie Einblicke in die wahre Kunst des Erzählens. Diese Seiten können getrost von erfahrenen Rollenspielern (RL) und Spielleitern (SL) überblättert werden, da sie aus anderen einschlägigen Regelwerken bereits bekannt sind.
Das daran anschließende Kapitel „Die Magie der Karten“ enthält ein weitgehend regelfreies Spielsystem für fortgeschrittene Spieler und Erzähler – das Arkana-System. Dieses an Tarot-Karten angelehnte Spielsystem ermöglicht es sozusagen, die Zukunft für eine einzelne Handlung bis hin zu einem kompletten Szenenverlauf vorherzusagen. Da neben der Geschichte der Engel das Arkana-System der zweitwichtigste Punkt im Grundregelwerk ist und es sich dabei um eine bis dato völlig neue Variante von Regelarium handelt, soll hier noch etwas genauer darauf eingegangen werden. Der Spielleiter (Erzähler) übernimmt in diesem System die Rolle des Autors, des Kameramanns und Regisseurs, der die Welt in den Köpfen der Spieler entstehen lässt, bis diese ihre Handlungsabsichten ankündigen. Daraufhin zieht der jeweilige Spieler verdeckt eine Karte aus dem Kartenstapel und streift sich selbst kurz den Mantel des Erzählers über. In dieser Rolle spinnt er unter Berücksichtung der Bedeutung des gezogenen Arkanum den Plot in einer (hoffentlich) guten und spannenden Geschichte weiter. Es wechselt also ständig die Erzählerperspektive zwischen dem eigentlichen Erzähler und den Spielern. Dadurch wird dem Rollenspiel eine neue dynamische Komponente hinzugefügt, welche die Spieler noch stärker ins Spielgeschehen integriert, sie sich freier entfalten lässt und den Spielleiter entlastet. Es erinnert dabei an das klassische Geschichtenerzählen von Heldentaten in früheren Tagen. Als Regisseur muß der Spielleiter nur dann regulierend auf die Spieler einwirken, wenn diese den „Machtspieler“ raushängen lassen oder den Plot zu kippen drohen.
Das Arkana-System ersetzt damit auf spannende Weise das Zufallsmoment der Würfel, ohne deren Unausgewogenheit zu übernehmen, wie es zum Beispiel auftritt, wenn einem mächtigen Charakter aufgrund des Würfelpechs des Spielers selbst einfachste Handlungen misslingen. Das ist äußerst ärgerlich oder mag in manchen Situationen auch amüsierend sein, hat aber mit dem eigentlichen Rollenspiel wenig zu tun. Es behindert eher noch den Spielfluss. Aber auch bei den Arkana-Karten kann es zu Problemen kommen. So scheinen manche Karten auf eine Situation zuzutreffen, wie die berühmte Faust aufs Auge, und in anderen Situationen scheint die Assoziation der Spieler beim Anblick der gezogene Karte diese überhaupt nicht auf den Verlauf der Geschichte übertragen zu können. Unter solchen erschwerten Bedingungen kann gerade bei Neulingen im freien Erzählspiel der Spielfluss stark leiden. Da muss dann der Erzähler Hilfestellung leisten, indem er das Schicksal in anbetracht der gezogenen Karte spielen lässt. Durch geschicktes Aufgreifen des Handlungsfadens und durch Weitererzählen der Geschichte kann diese dem nächsten Spieler zugespielt werden. Denn um genau das geht es im Arkana-System - eine gute Geschichte zu erzählen,, ohne durch allzu starre Regelvorgaben eingeengt zu werden.
Für alle „Würfelnarren“ und solche, die nichts mit dem Arkana-System anfangen können, erschließt das vierte Kapitel mit „Alternative Regel“ genau diese. Es enthält das Wichtigste, um Die Chroniken der Engel nach den Regeln des d20-System zu spielen. Diese Regeln der 3. Edition wurden nach Aussage von Oliver Graute für das Spiel gewählt, da es das weltweit meistverkaufte Regelsystem ist. Dadurch können sehr viele Spieler sofort ins Spielgeschehen einsteigen, ohne sich vorher mühsam mit den Regeln auseinandersetzen zu müssen. Trotzdem ist dieses Kapitel auch für Rollenspieler des freien Erzählspiels interessant, da gerade die Mächte der Engel und deren Manövrierfähigkeit im Flug genauer erläutert werden als es im eher vage gehaltenen Arkana-System der Fall ist.
Das letzte Kapitel befasst sich mit der Ausrüstung. Dort finden der Normalsterbliche und die Engel was das Herz begehrt. Zahlreiche Abbildungen mit Preislisten und Regeln für das d20-System machen dabei das Einkaufen zum Erlebnis.
Das Grundregelwerk Die Chroniken der Engel wird schließlich mit je einer Kopiervorlage der Charakterbögen für das Arkana-System und das d20-System, Karten von Europa mit dem groben Verlauf der Fegefeuer von den Anfängen 2644 bis in das zukünftige Jahr 2664, einer Risszeichnung der Krone des Himmels der Michaeliten und einem Stadtplan von Roma Æterna abgerundet. Des weiteren sind 22 Karten für das Arkana-System beigelegt.
Das die Köpfe hinter den Chroniken der Engel schon einiges an Erfahrung in früheren Publikationen gesammelt haben, merkt man bereits dem Einband an. Das in Gold schimmernde und mit einer verschlungenen, pompösen Überschrift versehene, aber sonst schlichte Cover macht einfach Lust auf mehr. Gerade das elegante Design der speziell für die Chroniken der Engel von Oliver Graute entworfenen Engel-Schrift bringt die Stimmung des postapokalyptischen Mittelalters des 27. Jahrhundert sehr gut rüber.
Vor jedem Kapitel versucht eine doppelseitige Kurzgeschichte den Leser noch ein Stück tiefer in die Welt der Engel zu versetzen. In diesen hat der aufmerksame Leser ein Wiedersehen mit Personen aus dem Roman“ Hiobs Botschaft“ und den zahlreichen Beispielen des Regelwerkes. Die Kapitel selbst werden von einer Illustration eingeleitet, gefolgt von einem nur teilweise passenden Zitat aus der Bibel. Das ganze wird schließlich überthront von einer zwei Seiten überspannenden Kapitelüberschrift.
So gibt sich das schön anzuschauende Layout locker, indem es auch den in zwei Spalten sehr kompakt geschriebenen Text durch Überschriften, zahlreiche Beispiele, Illustrationen und Zusatzinformationen durchbricht. Die grundsätzlich farblosen Illustrationen schwanken dabei zwischen mittelalterlich anmutendem Holzschnitt bis hin zu eckig wirkenden Aquarellen, welche aber trotzdem sehr schön sind und die Stimmung sehr gut einfangen. Die überall auf den Seiten zu findenden, mystisch wirkenden Zeichen verstärken diesen Effekt zusätzlich. Eingerahmt werden die Seiten durch eine Verzierung der Ränder, durch die eine Art Index entsteht, der von außen einen schnellen Zugriff auf die einzelnen Kapitel ermöglicht. Durch diese Aufmachung wirkt das Buch in sich geschlossen und lädt mit den zahlreichen Beispielen, Kurzgeschichten und Zusatzinformationen förmlich zum Schmökern ein. Gut ist auch, dass Die Chroniken der Engel in einer gebundenen Ausgabe daherkommen.
Das Design der stilistisch sehr schönen Arkana-Karten ist dem des Buches ähnlich. Zentrales Thema sind die bereits aus dem Grundregelwerk bekannten Illustrationen, welche 22 archetypische Figuren und Situationen aus dem Europa des 27. Jahrhunderts zeigen. Auf jedem Arkanum befindet sich am oberen und unteren Rand auf goldenem Grund eine Bezeichnung für die aufrechte und eine für die umgekehrte Legung, sowie am seitlichen Rande in goldenen Lettern deren Namen. Doch gerade der Name ist durch den gotischen Schriftstil teilweise nur sehr schlecht zu erkennen. Das stört aber im späteren Spiel kaum, da die Illustration und die Bezeichnung für die Legung allein schon inspirieren.
Allgemein geben sich die Engel und ihre Welt mystisch, doch versucht das Regelwerk an manchen Stellen, mit einer meist nur für den Erzähler bestimmten technischen Beschreibung zu beeindrucken. Gerade hier ergibt sich der Hauptkritikpunkt an der Einteilung des Regelwerks. Im ganzen Buch verläuft die Trennlinie zwischen Spieler- und Spielleiterwissen haarscharf. So befindet sich das größte Geheimnis der Angeliltischen Kirche um die Engelsweihe und die Läuterung genau auf der gegenüberliegenden Seite zur Beschreibung der Engelsorden, oder der Text wird von Erklärungen unterbrochen, die die Spielern einen Blick hinter die Kulissen erahnen lässt. Der allzu neugierige Spieler könnte sich so schon früh seinen Spielspass nehmen. Bei genauerer Betrachtung sind die technischen Erklärungen ohnehin nur oberflächlich und für Physik interessierte Leser nicht befriedigend. Auch stellt sich die Frage, warum alles mit Gewalt erklärt und belegt werden muss. Warum können manche Dinge nicht der Phantasie überlassen werden? Das ist aber eine Grundsatzfrage, die jeder für sich selbst klären sollte.
Der zweite Kritikpunkt ist die bereits erwähnte, nur sehr kleine Auswahl an dämonischem Insektengezücht des Herrn der Fliegen. Als Hauptgegner der Engel ist die Traumsaat mit nur zwei Kreaturen in nur sehr kleiner Zahl vertreten und lässt den Ruf nach einem Ergänzungsband nur noch lauter erschallen. So wird denn auch schon in der Einleitung des Kapitels „Traumsaat“ auf den ersten Ergänzungsband Traumsaat verwiesen.
Fazit:
_Mit dem Grundregelwerk: Die Chroniken der Engel ist es Feder & Schwert gelungen, eine geschlossene, spannende und phantasievolle Welt zu erschaffen. Ergänzt wird die Welt dabei durch das Comic Pandoramicum, welches die Geschichte der Engel mit einem offenen Ende kurz vor Spielbeginn einläutet. Auch wagte der Verlag erstmals, einen ganz neuen Weg zu gehen und veröffentlichte fast zeitgleich mit Engel eine Audio-CD in Zusammenarbeit mit der englischen Gruppe In the Nursery. Hierdurch ergibt sich eine auf das Spiel abgestimmte musikalische Hinterlegung der Atmosphäre. Zahlreiche Ergänzungsbände, wie das mittlerweile bereits erschienene Traumsaat und die angekündigten Ordensbücher lassen die Welt um die Engel noch dichter werden. Doch der ganz große Coup ist meiner Meinung nach aber mit der Einführung des Arkana-System gelungen. Es macht einfach Spaß, seine Phantasie spielen zu lassen und die Geschichte selbst weiterzuspinnen, bis man sie dem Nächsten sozusagen zuspielt. Für mich eher weniger interessant ist das d20-System. Doch stellen letztendlich beide Systeme Extreme am jeweiligen Ende des Spektrums von Regelarien da, so dass gut und gerne auch ein Mittelweg zwischen diesen gewählt werden kann.
So kann ich Die Chroniken der Engel jedem empfehlen, der sich schon immer in die Lüfte erheben wollte und nichts Grundsätzliches gegen Engel hat. Doch auch Atheisten werden ihren Spaß in der postapokalyptischen Welt mit verloren geglaubter Technik haben. Wer weiß schon, was sich ihnen im Verlauf des Spieles noch so alles offenbaren wird...
[ christoph fischer ]
[ alchem(at)avalon-projekt.com ]
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